Sexuelle Lust und Lustlosigkeit verstehen – warum wir Lust auf Sex haben, warum sie manchmal fehlt und wie wir sie wiederentdecken können


Warum haben wir eigentlich Lust auf Sex? Und warum verspüren manche Menschen ein starkes sexuelles Verlangen, während andere wenig oder gar keine Lust auf Sex haben?
Inhaltsverzeichnis
1. Was ist sexuelle Lust überhaupt?
Um sexuelle Lust und Lustlosigkeit zu verstehen, sollten wir zunächst unterscheiden zwischen der Lust auf Sex und der Lust beim Sex.
In der klinischen Sexologie, insbesondere im Konzept des Sexocorporel, sprechen wir dabei von sexuellem Begehren und sexuellem Lusterleben.
Sexuelles Begehren entsteht aus der Erwartung, etwas Angenehmes, Lustvolles oder Bereicherndes zu erleben. Das können schöne Erinnerungen an bisherige sexuelle Erfahrungen sein, aber auch Fantasien, Neugierde oder die Vorstellung einer aufregenden Begegnung.
Sexuelles Lusterleben beschreibt hingegen unsere Fähigkeit, sexuelle Erregung als angenehm zu empfinden und zu genießen. Dabei sind körperliche Erregung, genitale Erektion und emotionales Lusterleben unterschiedliche Vorgänge, die nicht zwangsläufig gemeinsam auftreten müssen.
Unsere bisherigen sexuellen Erfahrungen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Wer Sexualität als lustvoll und bereichernd erlebt, kann daraus das Begehren entwickeln, solche Erfahrungen zu wiederholen. Wer hingegen wenig Positives mit Sexualität verbindet, wird möglicherweise auch weniger Lust darauf verspüren.
Denn warum sollten wir Lust auf etwas haben, von dem wir uns gar nicht erwarten, dass es uns guttut?
Damit kommen wir zu einer entscheidenden Frage: Was braucht es eigentlich, damit sexuelle Lust entstehen kann?
2. Wie entsteht sexuelle Lust?
Manchmal genügt ein erotischer Gedanke, eine Fantasie oder der Anblick eines Menschen, um sexuelles Verlangen zu wecken. Ein anderes Mal entsteht Lust erst durch eine angenehme Berührung, einen Kuss oder das bewusste Wahrnehmen sinnlicher Empfindungen im eigenen Körper.
In der klinischen Sexologie unterscheiden wir dabei unterschiedliche Zugänge zur sexuellen Erregung und zum lustvollen Erleben.
Der affektive Zugang entsteht durch emotionale Eindrücke und Vorstellungen. Erotische Bilder, Fantasien, Erinnerungen oder Rollenspiele können uns emotional aufladen, sexuelle Erregung auslösen und unser Begehren wecken.
Der sensorische Zugang entsteht über unsere Körper- und Sinneswahrnehmungen. Eine angenehme Berührung, Wärme, Bewegung oder das bewusste Spüren unserer sexuellen Erregung kann lustvolle Gefühle entstehen lassen, aus denen sich wiederum sexuelles Begehren entwickeln kann.
Beide Zugänge können ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken. Wie wir auf bestimmte Reize reagieren, hängt wesentlich von unseren Erfahrungen, unseren Gefühlen und unserer Beziehung zum eigenen Körper ab.
Dabei ist nicht nur entscheidend, was wir erleben, sondern auch, wie wir es erleben. Dieselbe Berührung kann in einem Moment lustvoll und erregend sein, in einem anderen unangenehm oder völlig bedeutungslos.
Sexuelle Lust ist daher keine unveränderliche Eigenschaft. Sie kann sich entwickeln, verändern und auch wieder verloren gehen.
3. Warum habe ich keine Lust auf Sex?
Wenn Menschen wenig oder gar keine Lust auf Sex verspüren, kann das viele unterschiedliche Ursachen haben. Häufig ist es nicht ein einzelner Grund, sondern ein Zusammenspiel verschiedener körperlicher, emotionaler und psychischer Faktoren.
Ein wesentlicher Aspekt sind unsere bisherigen sexuellen Erfahrungen. Wer Sexualität wiederholt als unangenehm, enttäuschend oder sogar schmerzhaft erlebt hat, entwickelt möglicherweise wenig Verlangen danach. Auch Unsicherheit, Scham oder die Angst, bestimmten Erwartungen nicht zu entsprechen, können die sexuelle Lust erheblich beeinträchtigen.
Dazu kommen unsere Glaubenssätze und inneren Überzeugungen. Vorstellungen wie „Das gehört sich nicht“, „So etwas tut man nicht“ oder „Ich darf solche Gefühle nicht haben“ können verhindern, dass wir unsere sexuelle Erregung unbeschwert erleben und genießen.
Manchmal liegt die Schwierigkeit noch tiefer. Menschen, die wenig Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Körperempfindungen haben oder gelernt haben, intensive Empfindungen zu unterdrücken, können auch Schwierigkeiten haben, ihre sexuelle Lust wahrzunehmen und zuzulassen.
Daneben beeinflussen Stress, Erschöpfung, hormonelle Veränderungen, Medikamente, Erkrankungen oder belastende Beziehungssituationen unser sexuelles Verlangen. Auch negative oder traumatische Erfahrungen können eine wichtige Rolle spielen.
Sexuelle Unlust bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass etwas mit uns nicht stimmt.
Oft lohnt es sich vielmehr, genauer hinzusehen: Was steht meiner Lust im Weg? Was habe ich über Sexualität gelernt? Und wie erlebe ich eigentlich meinen eigenen Körper?
Denn manchmal fehlt nicht die Fähigkeit zur Lust, sondern der Zugang zu ihr.
4. Was braucht sexuelle Lust?
Sexuelle Lust lässt sich nicht erzwingen. Sie braucht Bedingungen, unter denen wir uns wohlfühlen, unsere Erregung genießen und uns auf ein lustvolles Erleben einlassen können. Welche Bedingungen das sind, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Für viele Menschen spielen Sicherheit, Vertrauen und Entspannung eine wesentliche Rolle. Wer sich unter Druck gesetzt fühlt, Angst hat, Erwartungen erfüllen zu müssen, oder sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, sexuelle Lust zu entwickeln.
Dabei kann auch Stress ganz unterschiedlich wirken. Manche Menschen suchen gerade in angespannten Situationen sexuelle Nähe, um sich dadurch zu entspannen. Andere brauchen zunächst Ruhe und Entspannung, bevor sie sich überhaupt auf Sexualität einlassen können.
Besonders bei der Rezeptivität (dem Aufnehmen, beispielsweise eines Penis in die Vagina oder den Anus) spielt die körperliche Bereitschaft eine wichtige Rolle. Wenn der Körper angespannt ist und sich nicht ausreichend öffnen kann, können Berührungen oder das Eindringen unangenehm oder schmerzhaft werden. Wiederholen sich solche Erfahrungen, kann auch das Verlangen nach Sexualität abnehmen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Erlaubnis, empfinden und genießen zu dürfen. Sexuelle Erregung wahrzunehmen, Gefühle zuzulassen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und den Körper bewusst zu spüren, sind Fähigkeiten, die wir entwickeln können.
Letztlich geht es nicht nur darum, was uns sexuell erregt, sondern auch darum, was wir brauchen, um diese Erregung als lustvoll und bereichernd erleben zu können.
Denn sexuelle Erregung allein bedeutet noch nicht, dass wir sie auch als lustvoll erleben.
5. Unterschiedliche Lust in Beziehungen
Dass zwei Menschen unterschiedlich häufig Lust auf Sex haben, ist völlig normal. Schließlich bringt jeder Mensch seine eigenen Erfahrungen, Bedürfnisse und Voraussetzungen für sexuelles Begehren mit. Entscheidend ist weniger der Lustunterschied selbst, sondern vielmehr, wie ein Paar damit umgeht.
Schwierig wird es häufig dann, wenn sich eine Person zurückgewiesen fühlt, während die andere zunehmend unter Druck gerät. Je mehr die eine Person versucht, sexuelle Nähe herzustellen, desto stärker zieht sich die andere möglicherweise zurück. Ein Kreislauf entsteht, in dem beide zunehmend unzufrieden werden.
Ein Kompromiss ist hier keine Lösung. Wenn Sexualität einmal nach den Wünschen der einen und das nächste Mal nach denen der anderen Person gelebt wird, mag das zunächst ausgeglichen erscheinen. Tatsächlich verzichtet dabei aber immer jemand auf die eigenen Bedürfnisse oder geht über die eigenen Grenzen. Was fehlt, ist ein gemeinsames sexuelles Erleben, das für beide lustvoll und bereichernd ist.
Jeder Mensch ist für seine eigene Sexualität und Lust selbst verantwortlich. Dabei sollte es jedoch nicht darum gehen, die sexuellen Bedürfnisse des anderen erfüllen zu müssen, sondern darum, die eigene Sexualität weiterzuentwickeln und sich dadurch vielleicht auch den Bedürfnissen des anderen anzunähern. Es geht darum, die eigenen Grenzen zu erweitern, nicht sie zu überschreiten. Und das immer freiwillig, ohne Verpflichtung.
Daher ist es hilfreich, gemeinsam neugierig zu werden: Warum wünschen wir uns eigentlich Sex? Was bedeutet Sexualität für jeden von uns? Und wie müsste unsere gemeinsame Sexualität aussehen, damit sie für beide lustvoll und bereichernd sein kann?
Denn manchmal liegt die Lösung nicht darin, wie oft wir Sex haben, sondern darin, wie wir Sexualität miteinander erleben.
6. Wie können wir sexuelle Lust und Lustlosigkeit besser verstehen?
Wenn wir unsere sexuelle Lust besser verstehen möchten, lohnt es sich, zunächst einen Blick auf unsere eigenen Bedürfnisse und Erwartungen zu werfen. Denn nicht immer wünschen wir uns Sex aus denselben Gründen.
Für manche Menschen steht die körperliche Erregung oder der Orgasmus im Vordergrund. Andere suchen Nähe, Geborgenheit, Bestätigung oder das Gefühl, begehrt zu werden. Wieder andere möchten sich entspannen, etwas Aufregendes erleben oder dem Alltag für einen Moment entfliehen.
Doch was erwarten wir uns von Sexualität und was erleben wir tatsächlich?
Eine hilfreiche Übung ist es, sich an besonders schöne sexuelle Erfahrungen zu erinnern. Was hat diese Begegnungen so wertvoll gemacht? Welche Empfindungen waren angenehm? Was hat vielleicht ganz anders stattgefunden als sonst?
Ebenso aufschlussreich kann es sein, sich zu fragen, welche Wünsche bisher wenig Platz gefunden haben. Vielleicht gibt es Berührungen, Fantasien oder Formen von Intimität, die wir gerne erleben würden, aber noch nie ausgesprochen haben.
Für Paare kann es besonders bereichernd sein, diese Fragen zunächst jeder für sich zu beantworten und anschließend miteinander zu besprechen. Oft zeigt sich dabei, dass beide unter erfüllender Sexualität etwas ganz Unterschiedliches verstehen.
Es geht nicht darum, herauszufinden, wer recht hat oder wer sich verändern muss. Sondern darum, einander besser kennenzulernen und neue Möglichkeiten für gemeinsames lustvolles Erleben zu entdecken.
7. Wie lässt sich sexuelle Lust wiederentdecken?
Sexuelle Lust lässt sich nicht erzwingen, aber wir können lernen, unsere körperlichen Empfindungen bewusster wahrzunehmen und unser lustvolles Erleben weiterzuentwickeln.
Ein wichtiger Schritt ist dabei, aus dem Denken wieder mehr ins Spüren zu kommen. Denn häufig sind wir während der Sexualität mehr damit beschäftigt, was wir tun sollten, wie wir wirken oder ob wir den Erwartungen entsprechen, als damit, was wir tatsächlich empfinden.
Eine einfache Möglichkeit sind achtsame Streichelübungen, zunächst mit sich selbst, später auch gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin. Dabei geht es nicht darum, sexuelle Erregung oder einen Orgasmus zu erreichen, sondern unterschiedliche Berührungen bewusst wahrzunehmen und herauszufinden, was sich gut anfühlt.
Wie fühlt sich eine Berührung an? Wo im Körper spüre ich sie? Ist sie angenehm, aufregend oder vielleicht auch unangenehm? Was verändert sich, wenn ich meine Atmung, meine Bewegung oder meine Körperspannung verändere?
Solche Fragen laden dazu ein, den eigenen Körper neugierig und ohne Leistungsdruck zu erforschen. Dabei geht es nicht nur darum, sich selbst besser kennenzulernen, sondern auch darum, gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin zu entdecken, welche Berührungen und Empfindungen als angenehm und lustvoll erlebt werden.
Je besser wir unseren Körper kennenlernen und lernen, angenehme Empfindungen zu gestalten und zu genießen, desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich für ein lustvolles sexuelles Erleben.
Denn sexuelle Lust beginnt nicht nur im Kopf. Sie braucht auch einen Körper, in dem wir uns spüren und genießen können.
8. Wenn Lustlosigkeit zur Belastung wird
Wenn sexuelle Unlust zu Leidensdruck, Konflikten oder zunehmender Distanz führt, kann professionelle Unterstützung hilfreich sein. Bei plötzlich auftretender oder länger anhaltender Lustlosigkeit kann es zudem sinnvoll sein, mögliche körperliche oder medizinische Ursachen abzuklären.
In der klinisch-sexologischen Beratung geht es darum, die eigene Sexualität besser zu verstehen, hinderliche Muster zu erkennen und neue Möglichkeiten für ein erfüllendes sexuelles Erleben zu entwickeln.
Eine wertvolle Ergänzung kann dabei die professionelle sexologische Körperarbeit sein. Durch gezielte Übungen zur Körperwahrnehmung, Atmung und Bewegung sowie auf Wunsch durch achtsame Berührung können Menschen lernen, ihren Körper bewusster zu spüren, Empfindungen zuzulassen und ihr lustvolles Erleben weiterzuentwickeln.
Gerade die Berührung durch eine andere Person kann dabei neue Erfahrungen ermöglichen. In einem geschützten, professionellen Rahmen und immer innerhalb der eigenen Grenzen lässt sich erforschen, wie Berührungen wahrgenommen werden, was sich angenehm anfühlt und wie sich körperliche Empfindungen verändern lassen.
Denn manchmal reicht es nicht, Sexualität nur besser zu verstehen. Veränderung darf auch im Körper erfahrbar werden.
Lust darf sich verändern
Sexuelle Lust ist nichts Starres. Sie verändert sich im Laufe unseres Lebens, mit unseren Erfahrungen, unseren Beziehungen und unserer persönlichen Entwicklung. Dabei geht es nicht darum, möglichst häufig oder auf eine bestimmte Weise Sex zu haben, sondern eine Sexualität zu entdecken, die sich für uns selbst und miteinander stimmig, lebendig und bereichernd anfühlt.
Denn erfüllende Sexualität beginnt dort, wo wir uns selbst und unsere Bedürfnisse besser kennenlernen – und uns erlauben, Lust auf unsere ganz eigene Weise zu erleben.
Wissenschaftliche Grundlagen und weiterführende Literatur
Die fachliche Grundlage dieses Beitrags bildet das Konzept des Sexocorporel, ergänzt durch Erkenntnisse der klinischen Sexualwissenschaft und Erfahrungen aus der sexologischen Beratung.
Zürcher Institut für klinische Sexologie und Sexualtherapie (ZISS): Sexocorporel – Grundlagen und Komponenten menschlicher Sexualität. https://www.ziss.ch/de/sexocorporel/
Bischof, K. (2020): Wissenschaftliche Grundlagen des Sexocorporel. In: Die deutschsprachige Sexualwissenschaft, S. 423–445. https://doi.org/10.23668/psycharchives.5535
Dewitte, M. et al. (2020): Sexual Desire Discrepancy: A Position Statement of the European Society for Sexual Medicine. Sexual Medicine, 8(2), 121–131. https://doi.org/10.1016/j.esxm.2020.02.008
Österreichisches Gesundheitsportal: Libidoverlust – Ursachen und Behandlung. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/sexualorgane/sexuelle-funktionsstoerungen/libidoverlust-diagnose-therapie.html
Du möchtest Deine eigene Lust besser verstehen?
Manchmal ist es hilfreich, sich bei dieser Entdeckungsreise begleiten zu lassen. In meiner Praxis für klinisch-sexologische Beratung und sexologische Körperarbeit unterstütze ich Dich dabei, Deine Sexualität besser zu verstehen und neue Möglichkeiten für ein lustvolles Erleben zu entwickeln – in Deinem Tempo und innerhalb Deiner Grenzen.
Wenn Du herausfinden möchtest, ob meine Begleitung für Dich passend ist, lade ich Dich herzlich zu einem kostenlosen Erstgespräch ein.
Christian Scharl – Klinischer Sexologe und Sexualberater

